Warum wir neue Geschichten brauchen – und was Cory Doctorow uns über das Drehbuchschreiben lehrt


Was passiert, wenn die Welt untergeht?

Die Strassen werden unsicher, die Nachbarn werden Feinde, und jeder kämpft ums eigene Überleben. Dieses Szenario kennen wir aus unzähligen Filmen, Serien und Romanen – und auch viele Drehbücher bedienen sich genau dieses Musters. Doch was, wenn genau diese Erzählweise unser Bild von der Welt verzerrt – und sogar gefährlich ist?
In seinem Essay „The Dangers of Cynical Sci-Fi Disaster Stories“ macht sich der Science-Fiction-Autor Cory Doctorow Gedanken über die Wirkung solcher Geschichten – und über seine eigene Verantwortung als Autor. Seine These: Die Art, wie wir Krisen in Fiktion darstellen, beeinflusst, wie wir sie im echten Leben erleben. Und: Das klassische Katastrophen-Narrativ vom egoistischen Menschen am Abgrund ist nicht nur einseitig, sondern falsch.


Intuition Pumps – wie Geschichten unser Denken formen

Doctorow bezieht sich auf den Philosophen Daniel Dennett, der Fiktion als sogenannte „Intuition Pump“ beschreibt: Geschichten helfen uns, gedanklich durch Szenarien zu navigieren, bevor sie real werden. Sie trainieren unser moralisches und emotionales Reaktionsvermögen. Wenn aber immer nur erzählt wird, dass in der Krise Chaos, Gewalt und Misstrauen herrschen, prägen wir uns dieses Weltbild tief ein.
Doch laut Doctorow – und auch laut der Autorin Rebecca Solnit, auf deren Buch A Paradise Built in Hell er sich stützt – verhalten sich Menschen in realen Katastrophen oft ganz anders: solidarisch, hilfsbereit, kreativ. Es ist nicht der „Mob“, der durchdreht, sondern häufig die Eliten, die Angst vor dem Kontrollverlust haben („Elite Panic“). Die Realität ist komplexer – und genau darin liegt die Chance für spannendere, wahrhaftigere Drehbücher.


Weg von den Klischees – hin zu echten Konflikten

Für uns Drehbuchautor:innen bedeutet das: Es lohnt sich, den Blick über den klassischen „Mad Max“-Tellerrand zu werfen. Doctorow fordert nicht nur sich selbst, sondern alle Schreibenden dazu auf, neue Geschichten zu erzählen. Geschichten, in denen Menschen in der Krise nicht nur reagieren, sondern gemeinsam gestalten. In denen es keine plumpen Helden und Schurken gibt, sondern differenzierte Figuren mit echten Dilemmata, Überzeugungen und Wandlungen.

Er zeigt das in seinen eigenen Romanen: In Little Brother, Homeland und dem aktuellen Attack Surface arbeitet er mit komplexen moralischen Konflikten, in denen technologische Verantwortung, gesellschaftliche Machtstrukturen und persönliche Entscheidungen miteinander ringen. Keine simplen Apokalypsen, sondern vielschichtige Erzählungen über Widerstand, Wandel und Verantwortung.


Was heisst das für unsere Writers Rooms?

Genau diese Fragen stellen wir uns regelmässig in unseren Writers Rooms und Community Meetings:

  • Welche gesellschaftlichen Narrative wollen wir fortschreiben – und welche überwinden?
  • Wie gestalten wir Figuren, deren Konflikte glaubwürdig, emotional und politisch relevant sind?
  • Wie können wir das Vertrauen in kollektive Handlungsfähigkeit in Geschichten sichtbar machen?

Doctorows Text ist ein Weckruf – nicht nur für Science-Fiction-Schaffende, sondern für alle, die mit Geschichten die Welt erklären und gestalten wollen. Gerade im Drehbuchschreiben liegt eine besondere Verantwortung und Chance: Wir prägen das Bild davon, was möglich ist. Und vielleicht beginnt die echte Revolution mit einem Writers Room, in dem wir uns gemeinsam entscheiden, nicht den einfachen Weg, sondern den ehrlicheren, tieferen zu gehen.


Lust, mit uns genau solche Geschichten zu entwickeln?

Dann komm zu unseren Community Meetings oder werde Teil eines Writers Rooms – gemeinsam schreiben wir Geschichten, die zählen.