Kürzlich bin ich beim Umräumen meines Bücherregals auf eine Ausgabe von Scenario gestossen, in der dieser interessante Beitrag von Keith Cunningham zu finden ist. Auch wenn dieser Beitrag schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat, scheint er mir immer noch sehr relevant zu sein in Bezug auf das moderne Geschichtenerzählen.
Keith Cunninghams «Neue Story-Welten – Über das Erzählen im 21. Jahrhundert» ist kein theoretischer Aufsatz, sondern ein leidenschaftlicher Weckruf an alle, die Geschichten erzählen. Das Manifest richtet sich besonders an Drehbuchautor:innen, Regisseur:innen und Produzent:innen – an alle, die mit bewegten Bildern unsere Wahrnehmung der Welt prägen.
Der Klimawandel als Kontext aller Geschichten
Cunninghams zentrale These ist ebenso einfach wie radikal: Der Klimawandel ist nicht mehr bloss ein Thema – er ist der Kontext, in dem alle zukünftigen Geschichten spielen.
So wie die Atombombe oder die industrielle Revolution frühere Generationen geprägt haben, wird der ökologische Umbruch des 21. Jahrhunderts in jeder Form des Storytellings präsent sein – im Text oder im Subtext, offen oder verborgen.
Vom Eskapismus zur Verantwortung
Cunningham kritisiert, dass Kino und Fernsehen seit dem Ende des Kalten Krieges ihre humanistische Mission verloren haben. Wo früher Filme Fragen nach Sinn, Verantwortung und Gemeinschaft stellten, dominiert heute Marktlogik: Quoten statt Qualität, Eskapismus statt Haltung.
Doch gerade jetzt, in einer Zeit multipler Krisen, brauchen wir Geschichten, die Mut machen – nicht durch moralische Zeigefinger, sondern durch emotionale Wahrheit und Identifikation. Geschichten, die uns helfen, die Realität auszuhalten und zu gestalten.
Er beschreibt eine Spannung zwischen dem «Mut zum Sein» und den «Parabeln der Flucht». Während die Medien oft in Voyeurismus, Fantasy und Selbstverblendung flüchten, fordert Cunningham das Gegenteil: Geschichten, die uns mit unseren Ängsten, Widersprüchen und Grenzen konfrontieren. Nicht, um zu deprimieren – sondern um Stärke, Mitgefühl und Handlungsfähigkeit zu wecken.
Neue Helden für eine neue Zeit
Für das Drehbuchschreiben bedeutet das: Wir müssen neue Heldenbilder entwickeln. Der einsame, technisch überlegene Actionheld hat ausgedient. Die Protagonist:innen der Zukunft sind kooperativ, empathisch und sich ihrer ökologischen und sozialen Einbindung bewusst.
Heldentum zeigt sich nicht mehr im Sieg über andere, sondern im Engagement für das Ganze. Verantwortung wird zum neuen Abenteuer.
Cunningham schlägt ausserdem vor, Geschichten stärker über ihre «Tag- und Nachtwelten» zu strukturieren – also über die Spannung zwischen Sicherheit und Chaos, Gewohnheit und Wandel. Der Klimawandel kann hier als unsichtbare Kraft im Hintergrund wirken, die Figuren und Konflikte prägt, auch wenn sie nie direkt benannt wird.
Zwischen Fortschritt und Überforderung
Seit der Veröffentlichung von Cunninghams Manifest ist mehr als ein Jahrzehnt vergangen – und die Welt hat sich weitergedreht. Klimakrise, Digitalisierung, Streamingkultur und künstliche Intelligenz haben das Erzählen und Produzieren von Geschichten verändert.
Einerseits sind Bewusstsein, Vielfalt und technische Möglichkeiten gewachsen; andererseits hat sich der Druck von Markt, Aufmerksamkeit und Algorithmen verschärft.
Doch gerade in dieser Ambivalenz behält Cunninghams Aufruf seine Kraft: Die Aufgabe, Geschichten zu erzählen, die uns mit der Realität verbinden, ist dringlicher denn je.
Erzählen als Akt der Hoffnung
Cunninghams Manifest endet mit einer ethischen Vision: Geschichten sind kein Eskapismus, sondern Werkzeuge des Bewusstseins. Wenn wir erzählen, gestalten wir mit, wie Menschen die Welt sehen – und was sie in ihr für möglich halten.
Das Erzählen selbst wird so zu einem Akt der Verantwortung und der Hoffnung: ein kreativer Widerstand gegen Gleichgültigkeit, Angst und Zynismus.
Er erinnert uns daran, dass gute Drehbücher mehr können als unterhalten – sie können Menschen ermutigen, sich der Realität zu stellen und neue Wege in ihr zu finden.